Charlotte Friedrich, 18 – Deutschland

Ich habe Nina fotografiert, seit ich das erste Mal eine Kamera bewusst auf eine Person richtete.

Wir haben uns als junge Mädchen kennengelernt, beide an den Pforten der Pubertät. Ungeformt. Ich hatte die Ehre, ihr beim Erwachsen werden zusehen zu dürfen.

In den folgenden sechs Jahren inspirierte sie mich zu Gedichten, Büchern, Gemälden, Fotos. Sie war das erste Mädchen, in das ich mich verliebte. Das Mädchen, das mich mit meiner Bisexualität versöhnte. Ich fotografierte ihr Werden und teilte meine eigene Entwicklung. Ich hielt fest, als ihre braunen Haare zu Dreadlocks verfilzten. Ich hielt fest, wie struktulose Shirts und Hosen zu bewussten Hippie-Klamotten oder androgynem Stil wurden. Ich fotografierte sie mit Massen an Farbe im Gesicht und ganz pur. Ich lernte alles von ihr kennen – etwas, woran auch unsere lange Beziehung irgendwann scheiterte.

Die Schulzeit war ganz plötzlich vorbei. Wir hatten es gewusst, aber es erwischte uns dennoch eiskalt. Die freie Zeit im Abitur war noch einmal voll von Gemeinsamkeit, bis plötzlich feststand – sie würde wegziehen. In den Harz. Das Mädchen, das seit ich lieben konnte, zwei Straßen weiter gewohnt hatte.

Ein Mal trafen wir uns für eine weitere Foto-Strecke. Sie brachte Kolja mit – einen gemeinsamen Freund. Nina und ihn verband eine Art unbestimmter Beziehung. Es war das erste Mal, dass ich ein Pärchen ablichtete.

Ich verschwand hinter der Linse und war nur noch Fotograf, Maler, Künstler – wenn man so will.

Erst beim Durchsehen der Ergebnisse legte ich diese künstliche Distanz ab und entdeckte das Bild. Lange beobachtete ich Ninas Blick. Und erhaschte eine Ahnung von der Richtung, in die es mit Kolja und Nina gehen würde. Ich bekam eine Idee davon, was Nina für mich empfand. Da war so viel Vergangenheit. Das Taizé-Kreuz um ihren Hals. Mein Kleid an ihrem Körper, meine Haare an ihren Dreads. Und Kolja, ein Splitter neuer Welt und faszinierender Vorgänge.

Ich lehnte mich langsam vor, tippte, und nannte das Bild “Ich liebe dich nicht”.


I have photographed Nina, since I consciously focused a camera on a person.
We have come to know us as young girls, both at the gates of puberty. Reshaped. I had the honor seeing her going into the adult phase.
In the following six years she inspired me to poetry, books, paintings and photographs. She was the first girl I fell in love with. The girl, who reconciled me with my bisexuality. I photographed her and shared my own development. I still held on when her brown hair matted to dreadlocks. I also held on when structureless shirts and trousers were transformed into hippie clothes or into androgynous style. I photographed her with masses of color in the face and very pure. I learned everything about her – that´s why somehow our long relationship failed at one point.
The school was suddenly over. We knew it, but it caught us cold. The free time in high school again was full of common ground, but all of a sudden it was clear – she would move away. To the Harz (area in Germany). The girl I fell in love with, which had lived two streets away.
One time we met for another photo shoot. She brought Kolya with her – a mutual friend. Nina and he shared a kind of indefinite relationship. It was the first time that I took pictures of a couple.
I disappeared behind the lens and was just a photographer, painter, artist – if you will.
Only by reviewing the results I took off the artificial distance and discovered the image. I watched a long time Nina’s views. And caught a glimpse of the direction in which it would go with Kolya and Nina. I got an idea of what Nina felt for me. There was so much history. The Taizé cross around her neck. My dress on her body, my hair on her dreads. And Kolya, a splinter of the new world and fascinating operations. I leaned slowly forward, tapped, and called the picture “I don´t love you”.
Translated by Rainer Henkel